Post-Internet Art: Zwischen Normcore und ästhetischer Handlungsmacht

Seminar Hauptstudium: Elke Bippus (ith-ZHdK), Beate Ochsner (FBLit.-Medienwiss. Universität Konstanz), Yvonne Wilhelm (MFAZHdK)
Seit einiger Zeit wird die sogenannte „Post-Internet Art“ an vielen Orten diskutiert und nahezu ebenso häufig abschätzig kommentiert. Der Definition von Inke Arns zufolge, handelt es sich dabei um „eine extrem marktkompatible zeitgenössische Kunst, deren Schöpferinnen und Schöpfer sich jeglicher (Werbe-)Bildwelten bedienen, die sie im Netz finden […] Post-Internet Art ist Normcore in Zeiten des Hyperkapitalismus.“ (iRights.Media: Das Netz 2014/2015). Für Kito Nedo vereint die neuen Künstler weniger eine gemeinsame künstlerische Tendenz, denn eine „Haltung“ gegenüber dem Internet, das – so Nedo weiter – als „unerschöpflicher Fundus“ genutzt werde: „Benutzt werden industriell gefertigte Produkte; man lässt eher herstellen als selbst Hand anzulegen.“ (Nedo: Furchtlos im Datensturm, Zeit online, 6.5.2015) Handelt es sich mithin um eine „Revolution“ oder doch nur um „allzu glatte Anpassung an das Normale“ unter dem Stichwort „Normcore“, wie Inke Arns vermutet? Welche Rolle spielt die digitale Umgebung des Internets, in welcher Relation stehen die Produkte bzw. Produktionen zu neokapitalistischen Tendenzen? Was verstehen wir eigentlich unter den zahlreichen für diesen künstlerischen Ansatz kursierenden Begriffen, die von Post-Media Art, Post-Internet Art über Digitale Narrative bis zu Postmedialität reichen? Im Seminar geht es nun zum einen darum zu klären, in welchem Verhältnis diese Art der Kunst zu möglichen historischen Vorbildern wie Formart, Netart oder Webart steht bzw. ob – und wenn ja, in welchen Formen – sich aus der Post-Internet Art eine neue Art der Postkritik ableiten lässt.
Der Schwerpunkt aber liegt – entgegen der Auffassung Nedos – auf der Frage, inwieweit das Internet bzw. die digitale Umgebung gerade nicht als reiner „Fundus“ zu verstehen ist, sondern vielmehr die Produktion, Zirkulation, Performativität und Rezeption von audiovisueller Kunst in postmedialen künstlerischen Settings (z.B. screenbasierte Arbeiten, Installationen, Performances) formt und welche nachhaltigen Veränderungen z.B. in Bezug auf künstlerische Praktiken aus dieser Beziehung hervorgegangen sind? Dabei steht nicht die Untersuchung oder Beschreibung der Eigenschaften verschiedener Objekte oder Installationen der Post-Internet Art im Vordergrund, vielmehr wollen wir uns den spezifischen Verfahrensweisen und Relationen zuwenden, die in und durch Aktivitäten wie aufrufen, versenden, appropriieren, fragmentieren, animieren, rhythmisieren, assemblieren etc. sicht- und beschreibbar werden.
Um diese Fragen gemeinsam entfalten und diskutieren zu können, wollen wir uns gleichermaßen an künstlerischen Materialien (so z.B. der Film von Cécile B. Evans “Hyperlinks or It Didn’t Happen” oder „Lettres du Voyant“ von Louis Henderson) orientieren, wie theoretische (z.B. Yuk Hui: What is a digital object?, oder Tim Ingold: The textility of making) sowie Zeitschriftenartikel zu Rate ziehen (z.B. Inke Arns: Post-Internet Art ist Normcore in Zeiten des Hyperkapitalismus, Florian Cramer:
Nach dem Koitus oder nach dem Tod. Zur Begriffsverwirrung von „Postdigital“, „Post-Internet“ und „Post-Media“).
Das Seminar ist eine Kooperation zwischen ith, DKV_ZHdK, MFA, DKM_ZHdK und dem Fachbereich Literatur-, Medienwissenschaft _Universität Konstanz.