Campus-Slots / ZH "Dramaturgien des Schmerzes"

Wird auch angeboten für

Nummer und TypMTH-MTH-ERK-CAM.16F.009 / Moduldurchführung
VeranstalterDepartement Darstellende Künste und Film
LeitungDieter Mersch, Hayat-Hayriye Erdogan
OrtToni-Areal
Anzahl Teilnehmende5 - 30
ECTS2 Credits
Voraussetzungenkeine

Für Studierende aus anderen Studiengängen der ZHdK:
Anmeldung und Anfragen bezüglich Platzzahl an:
Caroline Scherr / caroline.scherr@zhdk.ch
Bitte unbedingt Vorname, Nachname, Semester und Hauptstudiengang angeben, danke.
ZielgruppenAlle
Lernziele / Kompetenzen
  • Kennenlernen ästhetischer Repräsentationen, Darstellungen von Schmerz
  • Kennenlernen soziologisches, psychologischer, philosophischer und ästhetischer Schmerztheorien
  • Befragung und Diskussion verschiedener Schmerzdiskurse
  • Befragung und Diskussion der Darstellbarkeit von Schmerz
Inhalte"... und da der Unglückliche, indem er mit glühenden Zangen gezwickt wurde, laut vor Schmerzen schrie, klatschten die Zuschauer mit den Händen: entweder bildete sich dieses theatralische Volk ein, dass es vor dem Theater stände, und klatschte in der Selbstvergessenheit dem Schauspieler Beifall zu, weil er den Schmerz so natürlich ausdrückte, oder galt der Beifall dem Scharfrichter ..."
Susan Sontag stellte in ihrem Essay "Regarding the Pain of Others" fest, dass der Drang nach Betrachtung von Schmerzen leidender Körper ähnlich gross sei, wie der pornographische Voyeurismus. Inwiefern ziehen wir Lust aus dem Schmerz des Anderen? Was heißt Empathie?
Der eigene Schmerz, so auch der Schmerz des "Unglücklichen", scheint für andere unerreichbar. Niemand kann den Schmerz fühlen, den der mit glühenden Zangen Gefolterte fühlt. Wie aber kommt es, dass Schmerzdarstellungen auch in unterschiedlichen Künsten (z.B. Film) zur Empfindungsäusserungen beim Rezipienten führen? Fühlt man den Schmerz des Anderen oder seinen eigenen Schmerz in der Schmerzdarstellung des Anderen, und inwieweit ist Schmerzempfindung eine ästhetische Erfahrung.
Für Wittgenstein stellte das Phänomen des Schmerzes eine Herausforderung dar. Wie kann der eigene Schmerz so ausgedrückt (bzw. in einer künstlerischen Sprache so dargestellt) werden, dass er sich seiner Privatheit entledigt, sich hin zu einer Sozialität öffnet?
In diesem Seminar wollen wir uns mit unterschiedlichen Dramaturgien des Schmerzes beschäftigen und der Frage nachgehen, ob und wie sich Schmerz in den Künsten darstellen lässt. Anhand unterschiedlicher Beispiele wollen wir Aspekte und Dimensionen des Schmerzes wie Weltschmerz als das Leiden an der Welt, Melancholie, Liebesschmerz, Trauer, Folter, Krankheit in Bezug auf seine Darstellung und Darstellbarkeit in den Künsten diskutieren. Hegel würde wohl sagen, dass jede Art von Schmerzdarstellung eine Verharmlosung von Schmerz bedeutet. Ist das wahr?
Würden wir dem zustimmen wollen, wenn wir z.B. an die Literatur des Marquis de Sade denken, in der Erotik, Intellekt und Gewalt eine schmerz- und lustvolle Symbiose eingehen, zwischen Sadomasochismus und Pornosophie: "Die Fackel der Philosophie entflammt am Ficksaft.", heisst es bspw. in de Sades "Justine und Juliette".
Oder würden wir der Verhamlosungsthese zustimmen wollen, wenn wir an die Verfilmung von de Sades "120 Tage von Sodom" in der Regie von Pasolini denken, in der die Gewalt des Schmerzzufügens und Schmerzempfangens als perverses Lustprinzip dargestellt ist, wo schmerzvolle Demütigungen gleichzeitig Machtsicherung und Entsozialisierung bedeuten. Oder wenn wir an die Dramatik von Sarah Kane denken, in der der Schmerz der Autorin in eine Sprache des Leidens übersetzt wird - man denke z.B. an "4.48 Psychose" und den Suizid der Autorin. Oder wenn wir an die Performancekunst von Marina Abramovic denken, die ihrem Körper Schmerzen zufügt, den Zuschauer auffordert, ihrem Körper Schmerzen zuzufügen.
Bibliographie / LiteraturEs wird ein Reader bereitgestellt.
Termine14. - 15.03. & 02. - 03.05.2016
Dauer15.00 - 19.00 Uhr
BemerkungDer Kurs "Dramaturgien des Schmerzes" ist Teil der departementsübergreifenden Aktivitäten zum Projekt " Laokoon 2016". Weitere Angebote finden sich hier:

https://www.zhdk.ch/index.php?id=showroom

Angaben zu den Dozierenden:

Dieter Mersch studierte Mathematik und Philosophie an der Universität zu Köln und der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitete von 1983 bis 1994 als Dozent für Wirtschaftsmathematik an der Universität zu Köln und an der Fachhochschule Köln. Er wurde 1992 mit einer Dissertation in Philosophie über die Semiotik, Rationalität und Rationalitätskritik bei Umberto Eco an der Technischen Universität Darmstadt zum Dr. phil. promoviert. Von 1997 bis 2000 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Darmstadt und habilitierte sich 2000 in Philosophie mit der Arbeit Materialität, Präsenz, Ereignis. Untersuchungen zu den Grenzen des Symbolischen. Von 2001 bis 2004 war er Gastprofessor für Kunstphilosophie an der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Von 2004 bis 2013 hatte er einen Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der Universität Potsdam inne. Seit 1. Oktober 2013 ist Dieter Mersch Leiter des Instituts für Theorie (ith) der Zürcher Hochschule der Künste. Seine Arbeitsschwerpunkte befinden sich in den Gebieten Medien-, Kunst- und Sprachphilosophie, Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts sowie Semiotik und Ästhetik.

Hayat Erdogan (geb. 1981) studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Stuttgart und Dramaturgie an der Akademie für Darstellende Kunst-BW. Sie arbeitete als Übersetzerin und Dolmetscherin, als Autorin u.a. am Schauspiel Stuttgart und als Dramaturgin u.a. an der Schaubühne Berlin. Sie war Forschungsstipendiatin der James-Joyce-Stiftung in Zürich und in Triest, Mitarbeiterin im Künstler- und Forscherkollektiv International Institute of Political Murder - IIPM, wissenschaftliche Mitarbeiterin, u.a. im SNF-Forschungsprojekt "Das Spiel mit den Gefühlen" und von 2010 - 2015 im Master Theater an der Zürcher Hochschule der Künste. Neben diversen kuratorischen Tätigkeiten, u.a. im Cabaret Voltaire in Zürich, leitet sie seit 2014 das Projekt "Polytropos - Dada on Tour" und seit 2015 den Lab Space von Connecting Spaces Hong Kong-Zurich. Hayat Erdo?an ist Kommissionsmitglied in der Theaterförderung Stadt Zürich, Dozentin im Master Theater an der ZHdK und seit FS 2015 Doktorandin an der Kunstuniversität Linz bei Prof. Dr. Robert Pfaller.
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