Handlungs_Spiel_Räume der Schrift

Zur Operativität des Graphischen

Tagung mit internationalen Gästen

16.-18. September 2015
ZHdK, Toni-Areal, Pfingstweidstr. 96 

In seinen 1973 verfassten, allerdings erst postum veröffentlichten Variations sur l’écriture (2002) formu­liert Roland Barthes den bedenkenswerten, in heuristischer wie systematischer Hinsicht folgenschweren Gedanken, dass das ›Schreiben‹ respektive die ›Schrift‹ (écriture) sachangemessen weder ›phono-graphisch‹ noch ›phono-logisch‹ zu beschreiben ist. Denn weder sei die ›Vernunft‹ (lógos) der Ursprung der Schrift noch die ›Sprache‹ (phoné) deren Fluchtpunkt. Die Schrift, erläutert Barthes, sei keine bloße Transkription der Rede und diene nicht in erster Linie der Kommunikation. Im Gegenteil: Weil sie »viele andere als nur kommunikative Funktionen« hat und »mit der Hand verbun­den« (ebd., 69f) sei, verkörpere die Schrift eine »Praxis des Genusses« (ebd., 11), bei der »das Auge« und »die Hand« (ebd., 101) Regie führten.
Barthes’ kritischem Hinweis hat die Berliner Schriftbildlichkeitsforschung insofern Rechnung getragen, als sie eine Perspektive auf die Schrift einstellt, in der die Schrift mehr (und anderes) als nur die Funktion erfüllt, Sprache zu transkribieren. Mit ihrer »Erscheinung als Gestalt und Notation«, definiert Werner Kogge das »Zwitterwesen« der Schrift (Kogge, Denkwerkzeuge, 38), sei die Schrift ein zwischen einer Ebene distinkter Zeichen und einer Ebene graphischer Konstellationen angesiedeltes Phänomen. Dementsprechend hat die Schriftbildlichkeitsforschung ihre analytische Aufmerksamkeit vor allem auf die Bildlichkeit der Schrift und die Flächigkeit des Schriftbildes oder aber, mit Barthes gesprochen: auf all die ikonischen Aspekte gerichtet, für die das ›Auge‹ empfänglich ist – und darüber jene wichtigen Aspekte schriftlicher Notationen aus den Augen verloren, für die die ›Hand‹ verantwortlich ›zeichnet‹. Für Barthes steht jedoch außer Zweifel, dass die haptisch-taktilen Dimensionen der Schrift für die Schrift wesentlich sind: Die Schrift, bilanziert Barthes, »geht durch die Hand« und »fällt an diese zurück« (Barthes, Variations, 171).
Zwar sind der Schriftbildlichkeitsforschung die ›taktilen‹ Dimensionen der Schrift nicht entgangen: Sie spricht von einer »in« der »Handhabbarkeit« der Schrift »verwurzelten Operativität« (Krämer, Was bedeutet ›Schriftbildlichkeit‹, 15) sowie davon, dass die Schrift als materiale und wahrnehmbare Einschreibung auf einer Fläche die Möglichkeit bietet, »im Medium des Graphischen mit Sachverhalten mannigfaltiger Art kreativ und explorativ zu ›hantieren‹« (ebd., 23). Was aber »Operativität« in der Konfrontation mit der irreduziblen materialen Eigensinnigkeit von graphischen Phänomenen wie Manu­skripten, Drucktexten, Notationen, Diagrammen und dergleichen mehr tatsächlich konkret bedeuten soll, ist bislang nicht hinreichend geklärt worden.
Angesichts des zur Debatte stehenden mannigfaltigen graphischen Materials reicht es nämlich nicht aus, Operativität entweder räumlich als ›Organisationsformen (in) der Fläche‹ oder aber als ›Kultur­technik(en) zwischen Auge, Hand und Maschine‹ zu bestimmen. Beschränkt sich die eine Definition im Wesentlichen auf die epistemologischen Leistungen der Schrift, beschränkt sich die andere auf topologische Eigenheiten historisch variabler Schriftformate. Die Phänomene verlangen vielmehr nach einer Produktions- und Rezeptionsästhetik, für die der ›Operationsraum: Schrift‹ keinen ›opaken‹ oder undurchschaubaren, der exakten Beschreibung unzugänglichen Bereich darstellt, sondern ein dyna­misches Ereignis- und Beziehungsgefüge, einen Handlungs- und Spielraum, der in seinen performativen und körper/leibbezogenen ›Spielweisen‹ und ›Wechselverhältnissen‹ gewürdigt sein will.

Die geplante Tagung und die entsprechende Publikation möchte Schreiben und Schrift nicht allein in kommunikativen und kognitiven Funktionen und nicht bloß unter diagrammatischen Gesichtspunkten als ›Kalkül‹ betrachten, sondern von einer materialorientierten Produktions- und Rezeptionsaisthetik her denken, in der sich die responsiven Wechselwirkungen von Schreib- und Schriftkörpern in einer Art und Weise durchdringen und überlagern, dass gängige Kategorien sowie vertraute Beschreibungs- und Unterscheidungsmodelle ihre heuristische Funktion einbüßen.